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Psychosoziale Beratung für Flüchtlinge: Positive Zwischenbilanz des Pilotprojektes in der ZUE Borgentreich

2017 11 10 FlüchtlingKleiderkammerBorgentreich EKvW Archiv kl bearbeitet 1
Aus dem Irak geflüchtet: Diese Frau hilft in der Kleiderkammer der ZUE Borgentreich mit. Foto: Ev. Kirche von Westfalen


Borgentreich. Am 1. Mai 2016 hat die Diakonie Paderborn Höxter e.V. damit begonnen, in der Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) des Landes NRW für Flüchtlinge in Borgentreich eine psychosoziale Beratung für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge anzubieten. Dadurch soll die Versorgung der häufig traumatisierten Menschen mit psychologischen und psychosozialen Hilfen verbessert werden. Psychologische Beratungsangebote sind derzeit nicht Teil des Beratungsangebotes in Unterbringungseinrichtungen für Flüchtlinge des Landes NRW.

Das Modellprojekt der psychosozialen Beratung ist auf zwei Jahre angelegt und läuft bis April 2018. In seinem Rahmen soll ermittelt werden, ob in Unterbringungseinrichtungen des Landes NRW neben der bestehenden Asylverfahrensberatung sowie der medizinischen Versorgung durch Sanitätsstation und Ärzte die Notwendigkeit einer regelmäßigen psychosozialen Beratung und Betreuung besteht. Die rechtliche Grundlage dafür sind die EU-Aufnahmerichtlinie, die besonders schutzbedürftigen Personen notwendige und adäquate Unterstützung gewähren will sowie das Gewaltschutzkonzept für Flüchtlingseinrichtungen des Landes NRW.

Jetzt haben die beteiligten Projektpartner ein erstes positives Fazit gezogen. „Die bisherigen Erkenntnisse aus dem Modellprojekt weisen darauf hin, dass psychosoziale Beratung und Begleitung in ZUEs notwendig ist“, erklärt Jutta Vormberg, Vorstand der Diakonie Paderborn-Höxter e.V. In vielen Fällen konnte mit Hilfe der psychosozialen Erstberatung die Zielgruppe der besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge identifiziert werden, und bei zahlreichen Klientinnen und Klienten kann eine psychische Stabilisierung nachgewiesen werden. „Die positive Entwicklung wird von allen Kooperationspartnern vor Ort bestätigt“, so Vormberg.

Ihr Dank gilt der Evangelischen Kirche von Westfalen und dem Evangelischen Kirchenkreis Paderborn, die das Projekt finanziell unterstützen sowie der Bezirksregierung Detmold, die die ZUE leitet und der Betreuungsorganisation der Malteser. „Durch die Unterstützung und enge Kooperation aller Beteiligten wurde es möglich, dieses Modellprojekt durchzuführen“, betonte Vormberg.

„Mit der Förderung des Projektes möchte die Evangelische Kirche von Westfalen ein Zeichen dafür setzen, dass die individuellen Folgen von Krieg, Flucht und Vertreibung für Geflüchtete in der Landesunterbringung Beachtung finden müssen und können. Wir hoffen, dass es auf die Gesamtkonzeption des Landes für die Unterbringung ausstrahlt“, erklärte Pfarrer Helge Hohmann, Beauftragter für Zuwanderungsarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Die psychosoziale Erstberatung hat sich als ein wichtiger Bestandteil der Beratungsangebote in der ZUE Borgentreich erwiesen, darin sind sich alle Beteiligten einig. Sie gewährleistet von Beginn an den Schutzauftrag, ist ein wirksames Mittel zur Prävention oder Klärung notwendiger Interventionen und fördert die Integration. Das Beratungsangebot wurde gut angenommen. Zwischen Mai 2016 und April 2017 wurde die Beratungsstelle von 129 Personen aufgesucht. In diesem Zeitraum fanden ca. 550 Beratungskontakte mit Einzelpersonen, Familien und Paaren statt. 20 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen berichteten über Gewalterfahrungen.

Positive Rückmeldungen kommen auch von Klientinnen und Klienten, der Betreuungsorganisation der Malteser und von Kommunen. Die Klientinnen und Klienten beschrieben mehrheitlich eine Verbesserung ihres subjektiven Wohlbefindens und eine Reduzierung akuter Beschwerden. Innerhalb der ZUE konnte eine spürbare Deeskalierung erreicht und so das Betreuungspersonal erheblich entlastet werden. Die aufnehmenden Kommunen erhielten bereits im Vorfeld die notwendigen Informationen, um spezifische Maßnahmen und Hilfen für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge bereit zu stellen.

Beratungsanlässe in der psychosozialen Beratung sind zum Beispiel Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Depressionen oder depressive Verstimmungen, Angststörungen und Albträume. Etwa die Hälfte der geschilderten Störungen und Belastungssymptome lässt sich auf traumatische Erlebnisse zurückführen. Vorrangig geht es darum, Symptome und Anzeichen von Folter oder anderen schweren Formen physischer, auch sexueller Gewalt zu erkennen und den betroffenen Personen Zugang zu adäquater medizinischer oder psychologischer Versorgung zu ermöglichen.

Die psychosoziale Erstberatung bietet entlastende, stützende Gespräche und erste stabilisierende Maßnahmen, die die betroffenen Personen auffangen und für Sicherheit sorgen. Dazu gehören, in Kooperation mit Betreuungsorganisation, auch gemeinsame Aktivitäten für Gruppen, die präventiven Charakter haben und Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen. Außerdem können Probleme erkannt werden, die sich zum Beispiel durch Änderungen bei der Unterbringung lösen lassen. Im Bedarfsfall wird an Psychosoziale Zentren oder Kliniken weitergeleitet, und es werden Kontakte zu Organisationen vermittelt, die nach dem Transfer in eine Kommune weiterhelfen können sowie psychologische Stellungsnahmen erstellt.

Modellprojekt
Die Evangelische Kirche von Westfalen unterstützt das Modellprojekt aus ihren Sondermitteln für Flüchtlingsarbeit Sie hat 80 Prozent der Personalkosten für die zweijährige Laufzeit übernommen (rund 85.000 Euro). Weitere 20.000 Euro stellt der Evangelische Kirchenkreis Paderborn aus eigenen Mitteln zur Verfügung. Träger des Modellprojektes ist die Diakonie Paderborn-Höxter e.V. Für das Modellprojekt wurde eine Stelle im Umfang von 30 Wochenstunden eingerichtet und mit einer Diplom-Psychologin besetzt.

ZUE Borgentreich
Die ehemalige Kaserne in Borgentreich, die der Koptischen Kirche in Deutschland gehört, ist seit Herbst 2014 eine Zentrale Unterbringungseinrichtung (ZUE) des Landes NRW für Flüchtlinge. In den 29 Gebäuden auf dem über einhunderttausend Quadratmeter großen Gelände können im Regelbetrieb bis zu 500 Menschen untergebracht werden. Geleitet wird die Einrichtung von der Bezirksregierung Detmold. Die Malteser betreuen im Auftrag des Landes NRW die Flüchtlinge und Asylbewerber. Sie sind unter anderem zuständig für die Betreuung, Verpflegung und medizinische Akutversorgung der Bewohner. Das Sicherheitsunternehmen Kötter sorgt im Auftrag der Bezirksregierung für einen geordneten Ablauf und hilft, den sozialen Frieden in der Einrichtung zu sichern. Die Diakonie Paderborn-Höxter e.V. ist für die Asylverfahrensberatung und die Entgegennahme von Beschwerden der Flüchtlinge zuständig.

Zum Download:
Modellprojekt Psychosoziale Erstberatung. Zwischenbericht zur Evaluation: Bericht als PDF, 2468 KB
Modellprojekt Psychosoziale Erstberatung. Handout zum Zwischenbericht: Handout als PDF, 711 KB



Hilfe Für Flüchtlinge

Termine

21. November 2017, 9 bis 10.30 Uhr: Elternfrühstück „Wenn Kinder aggressiv werden“, in Bad Lippspringe, Ev. Familienzentrum, Templiner Allee 12 (Mitarbeitendenraum).


24. November 2017, 9 bis ca. 13 Uhr: Interne Fortbildung für EFaS-Ehrenamtliche zum Thema „Marte Meo“ als Haltung und Methode in der Arbeit mit Eltern und Kinder, Gemeindehaus Brakel, Bahnhofstr. 26.


27. November 2017, 15 bis 16 Uhr: Infos zu Schuldnerberatung und Privatinsolvenz mit Schuldnerberaterin Evelyn Vornweg von der Diakonie, Familienzentrum Arche, Ahornweg 14, Warburg.


Meldungen

  • Adventssammlung der Diakonie
    „Hinsehen – hingehen – helfen“
    18. November bis 9. Dezember 2017